Folge 24 - Freiheit oder Sicherheit - Wie finde ich die Balance?
Shownotes
Bowlby, John: Attachment and Loss; Bradshaw, John: Dog Sense; Gácsi, Márta: Studien zur Mensch-Hund-Bindung; Horowitz, Alexandra: Inside of a Dog; Miklósi, Ádám: Dog Behaviour, Evolution and Cognition; Panksepp, Jaak: Affective Neuroscience; Range, Friederike und Virányi, Zsófia: Soziale Kognition beim Hund; Sapolsky, Robert: Why Zebras Don’t Get Ulcers; Schöning, Barbara: Verhaltensbiologie Hund; Topál, József: Bindung Mensch-Hund; Zimen, Erik: Der Hund – Abstammung, Verhalten, Mensch und Hund.
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00:00:04: Herzlich willkommen zur neuen Podcast-Folge von VorLuckyPause in Seid.
00:00:27: Heute geht es um eine Frage, die fast alle Menschen mit Hund irgendwann beschäftigt und auch wenn sie oft gar nicht bewusst gestellt wird – Freiheit oder Sicherheit?
00:00:39: Und wie finde ich die Balance?
00:00:43: Wie viel darf mein Hund freie entscheiden?
00:00:45: Wie viel muss ich absichern?
00:00:48: und wo ist eigentlich dieser Punkt, an dem es sich richtig anfühlt.
00:00:53: Und genau hier entsteht oft ein innerer Konflikt.
00:00:57: Gebe ich meinem Hund zu viel Freiheit und riskiere Chaos oder gebe ihm zu wenig und verhindere Entwicklung?
00:01:06: und vielleicht die ehrlichste Frage von allen Wie viel Freiheit halte ich selbst eigentlich aus?
00:01:13: In dieser Folge wollen wir gemeinsam durch drei zentrale Fragen gehen.
00:01:20: und um Ballons.
00:01:46: Was ist denn Freiheit überhaupt?
00:01:48: Freiheit klingt ja erst mal im ersten Moment wunderschön, weil man das hört – offen-, leicht-, unabhängig!
00:01:56: Aber Freiheit ist kein Zustand in dem alles einfach passiert.
00:02:02: Freiheit bedeutet immer auch Verantwortung, Entscheidungsfähigkeit.
00:02:11: Spannend, denn nicht jeder Hund kann mit Freiheit gleich gut umgehen.
00:02:15: Denn das bedeutet der Hund muss Verantwortung übernehmen, muss über eine Entscheidungsfähigkeit verfügen und braucht die Fähigkeit zur Selbstregulation.
00:02:29: Was ist Freiheit aus biologischer Sicht?
00:02:31: Ein Hund ist ein Wesen was erst einmal nicht komplett frei ist.
00:02:39: Es ist ein soziales Lebewesen.
00:02:42: Es ist darauf angewiesen Orientierung zu bekommen, Strukturen zu verstehen und Sicherheit zu empfinden.
00:02:50: Das heißt im Gehirn bedeutet das dass Freiheit ohne Sicherheit Unsicherheit aktiviert Und Unsicherkeit wiederum führt dann zu Stress Impulsiven Verhalten Kontrollverlust.
00:03:05: Das bedeutet Freiheit ist nur dann sinnvoll wenn sie auf einem Fundament von Sicherheit basiert.
00:03:19: Schauen wir uns an, wie viel Freiheit wir unserem Hund geben?
00:03:23: Wir schauen quasi jetzt auf dich und deinen Hund!
00:03:26: Wieviel Freiheit bekommt dein Hund wirklich?
00:03:31: Kannst du mal für dich überlegen... Und nicht, wieviel würdest Du ihm gerne geben sondern, wieviele bekommt er tatsächlich im
00:03:39: Alltag?!
00:03:41: Man kann entweder ein ausgewogenes Verhältnis von Freiheit geben, man kann zu viel Freiheit geben und man kann Zu wenig Freiheit geben.
00:03:49: Wenn man insgesamt zu wenig Freiheit gibt sind typische Anzeichen das der Hund stark kontrolliert wird.
00:03:57: Entscheidungen nimmt man dem Hund ständig vorweg.
00:04:01: Es gibt wenig Raum für eigenes Verhalten Und das kann kurzfristig sehr stabil wirken.
00:04:10: Langfristig passiert aber oft etwas anderes.
00:04:13: Der Hund wird unsicher, ohne Führung.
00:04:16: Er trifft keine eigenen Entscheidungen oder er exploriert wenn er plötzlich Freiheit bekommt.
00:04:24: Wenn man zu dem Ergebnis kommt als man dem Hund zu viel Freiheit gibt dann ist das genauso herausfordernd wie zu wenig Freiheit.
00:04:33: Ein Hund der zu früh zuviel Freiheit bekommen wird überfordert.
00:04:39: Er entwickelt eigene Strategien, trifft Entscheidungen die nicht immer sinnvoll sind.
00:04:45: Und das sehen wir oft bei unkontrolliertem Freilauf, fehlender Orientierung oder den der Regel das schon ansetzen.
00:04:55: und hier liegt dann am Ende eine wichtige Wahrheit Freiheit ohne Struktur ist keine Freiheit es ist Überforderung.
00:05:03: Die Frage ist am Ende also Nicht Freiheit ja oder nein sondern viel mehr, wieviel Freiheit passt zu meinem Hund und in diesem Moment.
00:05:15: Und jetzt nimm dir gern einen Moment und überlege ob dein Hund eher zu stark kontrolliert oder eher zu frei unterwegs ist.
00:05:27: Und zeig dabei ganz ehrlich zu dir selbst und bewerte nicht, ob das gut oder schlecht ist!
00:05:39: Wievielfreiheit kann ich eigentlich selbst halten?
00:05:43: Und vielleicht kommt jetzt der wichtigste Teil, wenn man über Freiheit und Sicherheit nachdenkt.
00:05:50: Es geht nicht nur um den Hund – es geht auch um einen selbst!
00:05:56: Denn die Freiheit des Hundes endet oft genau dort wo die eigene Unsicherheit beginnt.
00:06:04: Jetzt kannst du dir einmal die Frage stellen wie viel Freiheit kann ich emotional überhaupt aushalten?
00:06:12: Welche inneren Grenzen habe ich da eigentlich?
00:06:16: Vielleicht kennst du Gedanken wie was, wenn etwas passiert.
00:06:22: Was, wenn er nicht zurückkommt.
00:06:24: Was werde ich?
00:06:25: die Kontrolle verliere?
00:06:27: und all diese Gedanken sind nicht falsch aber sie beeinflussen unser Verhalten massiv Und der Hund nimmt diese innere Spannung, die wir dabei in uns tragen wenn wir solche Gedanken haben.
00:06:43: Nimmt diese Spannungen wahr – auch wenn wir überhaupt nichts sagen!
00:06:47: Wenn wir innerlich angespannt sind wird unser Hund wachsamer, unsicherer und reaktiver.
00:06:56: Was bedeutet das?
00:06:58: Das bedeutet dass deine Fähigkeit Freiheit zu halten direkt daran gekoppelt ist an deine eigene Regulation.
00:07:09: Das heißt, Freiheit beim Hund funktioniert immer nur dann wenn man sich selbst führen kann.
00:07:17: und sich selbst zu führen bedeutet nicht laut sein oder besonders hart sein sondern klar ruhig und stabil.
00:07:35: was bedeutet Freiheit für deinen Hund?
00:07:39: Und das ist jetzt eine wichtige Perspektive die wir einnehmen wollen.
00:07:43: Freiheit für deinen Hund ist nicht das gleiche wie Freiheit für dich.
00:07:48: Manche Menschen denken oft, Freiheit bedeutet ich darf machen was ich will Aber für den Hund bedeutet Freiheit tatsächlich etwas ganz anderes.
00:07:58: Freiheit bedeutet für den Hund Sicherheit und Handlungsspielraum.
00:08:03: Ein Hund empfindet Freiheit immer dann wenn er sich sicher fühlt wenn er eigene Entscheidungen treffen darf und, wenn die Situation ihn dabei nicht überfordert.
00:08:16: Zum Beispiel für manche Hunde bedeutet Freiheit frei laufen zu dürfen.
00:08:20: Für andere Hunde bedeutet Freiheit sich an dir orientieren zu dürfen.
00:08:25: Andere brauchen oder für andere bedeutet Freiheit klare Strukturen zu haben Und das ist tatsächlich total wichtig.
00:08:36: Nicht jeder Hund will die maximale Freiheit, wie wir sie uns vorstellen.
00:08:42: Manche Hunde brauchen mehr Führung andere Hunde braucht mehr Raum und das bedeutet nicht dass ich Sie in Ihre Freiheit einschränke weil dieser Hund mit dieser Freiheit vielleicht total überfordert ist.
00:08:55: Das heißt er will diese Freiheit gar nicht.
00:08:58: Und Freiheit bedeutet immer auch sich sicher fühlen.
00:09:02: und wenn sich ein Hund nicht sicher fühlt Dann fühlt sich diese Freiheit für ihn nicht so an wie wir uns das vorstellen.
00:09:11: Wenn wir sagen, wir wollen unsere Hundfreiheit gönnen dann ist es ja immer gekoppelt an den Wunsch sich frei zu fühlen Spaß zu haben Rennen zu können.
00:09:21: wenn der Hund sich mit dieser Freiheit aber gar nicht wohlfühlt und völlig überfordert über die Wiese rennt und gar nicht klar kommt dann hat er da keinen Mehrwert von und dann profitiert vielleicht erst mal noch von einem engeren Rahmen, von weniger Raum.
00:09:40: Also es ist immer ein Spiel von Raum nehmen, Raum geben und das bedeutet einfach nur wie weit kann ich den Raum stecken wo sich der Hund noch sicher fühlt, wo er noch gute Entscheidungen trifft?
00:09:54: Wo er bei sich bleiben kann und sich selbst regulieren kann?
00:10:07: Das heißt, wir haben am Ende einen sehr schmalen Grad.
00:10:12: Zwischen Freiheit und Sicherheit gibt es nämlich keinen festen Punkt.
00:10:16: Es ist ein ganz beweglicher Prozess Und du wirst immer wieder neu entscheiden müssen.
00:10:22: halte ich gerade mehr Raum oder mehr Struktur?
00:10:27: Und der Schlüssel ist immer eine dynamische Balance, eine gewisse Anpassung.
00:10:32: Nicht stark zu bleiben nicht dogmatisch zu werden sondern zu beobachten was gerade ist und was der Rahmen oder die Situation vielleicht auch gerade erfordert und braucht.
00:10:46: Und dabei wird man zwangsläufig Fehler machen.
00:10:51: Du selbst wirst Fehler machen und auch dein Hund wird Fehler machen.
00:10:56: Und das sind aber oder dass es die der Rahmen, den es braucht Fehler machen zu dürfen.
00:11:03: und da darf man Fehler auch erst mal akzeptieren und sie annehmen.
00:11:09: Und das ist dann denke ich der erste Schritt auch in die richtige Richtung.
00:11:14: denn genau aus dieser Aus diesem Spannungsbogen zwischen Fehlermachen zu dürfen entsteht Entwicklung.
00:11:21: und wenn ich Entwicklungen ermögliche dann kann sich ein Individuum, egal ob Mensch oder Hund weiterentwickeln.
00:11:29: Aber dazu ist es notwendig dass man Fehler als Bestandteil sieht das man Fehler nicht verurteilt und sich diese nicht bewertet Und diesen schmalen Grad zwischen Freiheit und Sicherheit halten kann Dass man den gestalten kann, dass man ihn als beweglichen Prozess ansehen kann.
00:11:59: Was passiert neurobiologisch?
00:12:01: Im Gehirn eines Hundes laufen ständig Prozesse ab, Entteilungsprozesse.
00:12:08: Genauso wie bei uns Menschen.
00:12:10: Passiert es auch beim Hund und die entscheiden immer zwischen Sicherheit oder Unsicherheit.
00:12:16: Und die Ermüchterler – das ist ein Teil im Gehirne – bewertet Reize ganz allgemein und grob pauschal formuliert Die Amygdala bewertet alle Reize, die wir so aufnehmen in Wichtig oder Unwichtig, in Sicher oder Unsicher.
00:12:34: Und dann haben wir im Gehirn noch den präfrontalen Cortex und der hilft bei der Impulse-Kontrolle.
00:12:44: Wenn sich der Hund sicher fühlt kann er Entteilungen überlegt treffen.
00:12:49: Wenn er sich unsicher fühlt, übernimmt nicht der Präfrontale Cortex sondern dann übernimmtes Stresssystem Und dann ist Freiheit nicht mehr möglich, weil er keine überlegten Entscheidungen mehr treffen kann.
00:13:03: Das heißt immer dann wenn mein Hund unter Stress steht und das Stresssystem an ist und reagiert und aktiv ist Dann kann der Hund gar nicht mehr überlegen nachdenken und gute Entscheidungen treffen.
00:13:16: D.h.,
00:13:17: die Basis von allem ist dass sich der Hund sicher fühlt, dass er reguliert ist Ja, den Rahmen kennt dass er weiß... ...dass er bei sich ist.
00:13:28: Dass er weiß wer er ist und das er überlegt Entscheidungen treffen kann.
00:13:33: Und das ist oft schon ein Punkt wo wir unseren Hunden Entscheidungen zu treffen geben in einem Zustand indem sie gar nicht mehr klar denken können und da es dann eine falsche Entscheidung kommt.
00:13:49: Das ist keine aktive Entscheidung des Hundes mehr sondern das fast vorhersehbar.
00:13:55: Das heißt, Freiheit kann ich immer dann geben wenn ich einen Hund habe der überlegt handeln kann dessen Stresssystem gerade nicht on fire ist.
00:14:12: Wenn wir jetzt einiges über Freiheit und Sicherheit und die Balance dazwischen wissen Dann können wir uns jetzt einmal damit beschäftigen Ja wie man konkret seine Balance findet Und im ersten Schritt ist es immer notwendig den notwendigen Rahmen zu setzen, das heißt wir sorgen erst einmal für Sicherheit.
00:14:34: Wir brauchen eine stabile Basis auf der wir aufbauen können.
00:14:40: die Sicherheit beziehungsweise den Rahmen baut man klar verständlich und wiederholbar auf.
00:14:46: Das heisst um zu überprüfen ob ich einen Rahmen gesetzt habe der angemessen ist kann nicht dass immer wieder wieder herstellen also wiederholen.
00:14:57: Im nächsten Schritt wird die Freiheit dosiert.
00:15:00: Das heißt, wir lernen nicht einfach ab und der Hund hat die gesamte Freiheit, sondern das Ganze passiert Schritt für Schritt.
00:15:07: Es gibt Höhe von Höhen mehr Freiheit und wir kontrollieren wieder ob der Hund weiterhin sich sicher fühlt und Entscheidungen aktiv treffen kann, bewusst treffen kann.
00:15:19: Und das ganze beobachten wir anstatt es zu kontrollieren.
00:15:23: Das heißt, wir greifen weniger ein und versuchen mehr wahrzunehmen.
00:15:28: Und mehr aufzunehmen und zu erkennen was gerade in der Situation passiert.
00:15:36: Zuletzt brauchen wir auch unsere Selbstregulation der Schlüssel zur inneren Ruhe.
00:15:42: Wir schauen dass wir für uns selbst gut sorgen damit wir in unserer Ruhe, in unserer Kraft da sein können und für unseren Hund auch den Rahmen halten können.
00:15:54: Wenn ich diese vier Punkte den Rahmensätzen Freiheit dosieren, beobachten statt kontrollieren und sich selbst regulieren beachte dann bin ich schon einen entteilenden Schritt weiter in der praktischen Umsetzung von Freiheit oder Sicherheit.
00:16:11: Und die Balance dazwischen.
00:16:20: Zusammenfassend kann man sagen das ist am Ende vielleicht gar nicht darum geht die perfekte Balance zu finden sondern eher darum immer wieder neu hinzuschauen, genau hinzuschaun und auch die Gefühlebene mit einzubeziehen zu schauen.
00:16:39: Was braucht mein Hund gerade?
00:16:41: Und was kann ich selber gerade halten?
00:16:45: Was überfordert mich in der Situation?
00:16:47: wo bin ich nicht mehr stabil?
00:16:50: Wo kann ich diesen sicheren Rahmen nicht
00:16:52: halten?".
00:16:53: Freiheit und Sicherheit sind keine Gegensätze, und schließen sich gegenseitig nicht aus.
00:16:59: Sie gehören zusammen wie zwei Seiten in einer Beziehung.
00:17:04: Und vielleicht hast du losbekommen dich bei deinem nächsten Spaziergang mal zu beobachten und dich nicht zu fragen funktioniert alles?
00:17:13: sondern dir eher die Frage zu stellen ob sich denn alles stimmig anfühlt oder ob es etwas gibt wo sich nicht stimmige anfühlen.
00:17:29: Ich freue mich, dass du dieses mal wieder dabei warst und freue mich auf dich in der nächsten Folge.
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